Antarktika. Eine Ausstellung über Entfremdung

Am Anfang stand eine kurze Skizze zu einem möglichen Film. „Die Gletscher der Antarktis rücken jährlich drei Millimeter auf uns zu“, notierte der Regisseur Michelangelo Antonio in den 1960er Jahren. „Ausrechnen, wann sie ankommen. In einem Film vorhersehen, was dann passieren wird.“ Das von Antonioni in der Antarktis konzentrierte Bild der vergletscherten Gesellschaft, der Gefühle in Konventionen erstarren lassenden sozialen Kälte, prägt das europäische Filmschaffen von der Nachkriegszeit bis in Teile der Gegenwart hinein. Auch die bildende Kunst als Barometer zeithistorischer Empfindung hat die Abkühlung der Affekte in einer konsumistisch ausgerichteten Gesellschaft immer wieder eindrücklich beschrieben.

Der moderne Entfremdungsbegriff: Wenn in diesem Zusammenhang, metaphorisch verdichtet, von Entfremdung die Rede ist, handelt es sich dennoch um eine paradoxe Kategorie. In der Erfahrung von Entfremdung spiegeln sich gravierende historische Veränderungen – von der Säkularisierung über die Industrialisierung und Technisierung bis zur heutigen radikalen Individualisierung. Zugleich steht sie für eine grundsätzliche Abkühlung im Verhältnis des Subjekts zu seiner Umwelt wie seinem Selbst. Entfremdung zählt zu den prägnanten Signaturen der Moderne und beschreibt eine geradezu systemische Störung im Verhältnis des Menschen zu dem, was ihn umgibt, woran er glaubt, wonach er strebt.

Eine Beziehung der Beziehungslosigkeit: Auf eine einfache Formel gebracht, beschreibt Entfremdung einen paradoxen Zustand gleichzeitigen Beteiligt- und Unbeteiligtseins. Beziehungen, Institutionen, Arbeitsprozesse treten dem Subjekt plötzlich als etwas Fremdes entgegen, dem es sich selbst nicht mehr zurechnet. Entfremdung ist somit eine besondere Form der Beziehung. Keine Nicht-Beziehung, sondern „eine Beziehung der Beziehungslosigkeit“, wie die Philosophin Rahel Jaeggi es formuliert: eine Getrenntheit im Modus der Untrennbarkeit. Schon Éduard Manet, für Baudelaire „der Maler des modernen Lebens“, skizzierte in seinen Werken die Singularisierung des Einzelnen innerhalb einer sich immer stärker fragmentierenden Gesellschaft. Kompositorisch zur Gruppe vereint, steht Manets Bildpersonal häufig in einer vertraut wirkenden, aber seltsam distanziert anmutenden Umgebung unvermittelt für sich allein. Im Hochkapitalismus, wie er das ausgehende 19. Jahrhundert Manets prägte, drifteten tradierte Verhältnisse auseinander, ohne sich vollständig aufzulösen. Wie uneinlösbare Wunschszenarien geistern sie bis heute fort als Motoren einer unsteten Suche nach der (real vermutlich nie existenten) unmittelbaren Einheit mit der Umwelt und sich selbst.

Die Ausstellung Antarktika: Die Ausstellung Antarktika denkt die Konfiguration des gleichzeitigen Beteiligt- und Unbeteiligtseins weiter und versammelt insbesondere jüngere Positionen der Gegenwartskunst. Diese beschäftigen sich mit dem Verhältnis von Identität und Disidentität, der Entzweiung von Person und Rolle im Bewusstsein einer Selbstentfremdung in der Moderne bis zur (nur vorgeblichen) Abwesenheit von Entfremdung in den „neuen Arbeitswelten“. Studien von Verhaltensformen der Kälte stehen dabei Werken gegenüber, in denen eine intensive Ich-Bezogenheit überhitzt wirkt – und am Ende doch nur eine andere Facette zeitgenössischer Entfremdungserfahrung markiert.

Gesellschaft beginnt mit drei: In der Auswahl der Werke wurde der Schwerpunkt auf Fotografie und Film gelegt, die als Repräsentationsmedien ein scheinbar privilegiertes Verhältnis zur Wirklichkeit besitzen. Im zeitgenössischen Porträt zeigt sich indessen weniger die Individualität der Dargestellten als das Verhältnis von Subjekt und Rolle: die Adaption präfigurierter Muster als Blaupause gesellschaftlichen Miteinanders. Andrzej Steinbachs Fotoserie Gesellschaft beginnt mit drei zum Beispiel zeigt drei Personen in einem Raum, deren Kleidungsstücke und Accessoires immer wieder ausgetauscht werden. Jeweils eine Person befindet sich im Bildzentrum, während die anderen beiden nur teilweise oder gar nicht im Bild zu sehen sind. Die Modelle wechseln ihre Position, variieren ihre Gestik und ihren Habitus und lassen uns im Unklaren darüber, welche Konstellation ihrer tatsächlichen Beziehung untereinander entspricht. In prägnantem Schwarzweiß aufgenommen, erinnert die Ästhetik von Steinbachs Fotografien an avancierte Modekampagnen und daran, wie ehemals subkulturelle Chiffren in massentaugliche Lifestyle-Optionen übersetzt werden. Im Rekurs auf den gleichnamigen Essay des Soziologen Ulrich Bröckling deutet Gesellschaft beginnt mit drei aber auch eine positiver gestimmte Lesart an: Während die Rationalisierungstendenzen der Moderne, quasi die Beschleuniger allgemeiner Entfremdungserfahrung, auf binären Ordnungsschemata beruhten, bringen die fluiden, beschleunigten Sozialverhältnisse der Gegenwart durchaus ambivalent besetzte „Dritte“ hervor, die den Homogenisierungsdruck mit ihren unscharfen oder wechselnden Positionierungen vielleicht zu unterlaufen in der Lage sind. [Kunsthalle Wien. Dauer: 25. Oktober 2018 bis 17. Februar 2019 – Foto: © Kunsthalle Wien]

 
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